Für einmal nicht Corona

Für einmal nicht Corona

Seit siebzehn Tagen ist Ausnahmezustand, seit siebzehn Tagen gehen meine Kinder nicht zur Schule, mein Mann und ich arbeiten von zu Hause aus, unser Leben spielt sich hauptsächlich in unseren vier Wänden ab. Wir sind langsam eingespielt, die Tage fliessen ereignislos vorbei.

Nach dem Abendessen habe ich Bauchweh, es wird trotz Wärmeflasche schlimmer. In der Nacht kann ich nicht schlafen, das Liegen bereitet mir höllische Schmerzen, mir ist übel, ich erbreche klare Flüssigkeit. Ein paar Tage zuvor hat mein Bruder mich auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht: Bislang vernachlässigte erste Symptome bei einer Corona-Infizierung sind Bauchweh und Übelkeit. Ich sitze stundenlang – mit dem Rücken an die Wand gelehnt – auf dem Boden, die Beine angezogen. Das ist die einzige Stellung, in der die Schmerzen halbwegs erträglich sind. Bob, die treue Seele, liegt neben mir, leckt mir ab und zu den nackten Fuss.

Ich google mit dem Smartphone nach Artikeln zu Bauchschmerzen und Coronavirus, stosse auf neue Forschungsergebnisse: In einer Studie zeigten COVID-19-Patienten mit Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden einen schlimmeren Krankheitsverlauf und ein höheres Sterberisiko als Patienten, die keine solchen Beschwerden aufwiesen. Mittlerweile habe ich Schüttelfrost, ich ziehe eine zweite Strickjacke über. Ich habe mich noch nie so elend gefühlt.

Am Morgen werde ich bei meinem Hausarzt vorstellig. Er tastet meinen Bauch ab. «Blinddarm», sagt er, schickt mich ins Kantonsspital. Blinddarm. Irgendwie bin ich erleichtert. Vor dem Spital wird selektiert – Corona oder nicht. In der Notfallaufnahme bekomme ich intravenös Schmerzmittel verabreicht, man legt mir eine warme Decke über. Ich bin dankbar.

Nach der Operation werde ich auf mein Zimmer gebracht. Es ist mittlerweile dunkel draussen. Die nächtliche Aussicht über die Bahngleise ist spektakulär. «Geht es Ihnen gut?» Eine Pflegefachfrau beugt sich über mich. «Es geht mir wunderbar», sage ich. Und es stimmt. Es geht mir wunderbar. Ich bin schmerzfrei. Ich lebe in dieser Stadt, in diesem Land, das mir trotz schlimmster Krise eine hervorragende Gesundheitsversorgung bietet. Es mangelt mir an nichts.

Ich kann nicht schlafen, betrachte den Himmel über der Stadt, sehe, wie die Dunkelheit der Morgendämmerung weicht; das Zwielicht lässt die Umrisse der Gebäude verschwimmen. Alles wird gut – irgendwie und irgendwann.