In Erinnerung an Herrn G.

Landbote

In Erinnerung an Herrn G.

Als Anwältin komme ich mit den verschiedensten Menschen in Kontakt. Ich vertrete ein drei Monate altes Baby und eine zweiundachtzigjährige Seniorin. Manche Mandanten sind mühsam, manche mag ich nicht. Am schlimmsten sind diejenigen, die alles immer besser wissen. Aber da sind auch die vielen anderen, netten Klienten und Klientinnen. Diejenigen, die mir ans Herz wachsen. Und dann gibt es Herrn G. 

Herr G. war einer meiner ersten Mandanten, als ich mich vor zehn Jahren selbstständig gemacht habe. Ich konnte eine rechtliche Angelegenheit, die ihn belastet hatte, klären. Seither besucht er mich einmal im Jahr – immer um Weihnachten herum – in der Kanzlei. Meist ruft er nicht an, taucht einfach auf. Wir trinken Tee, unterhalten uns eine Stunde lang. Dann geht Herr G. wieder. 

Herr G. hat ALS. Er hatte die Diagnose bereits, als er mein Mandant wurde. Die Krankheit ist bei ihm langsamer verlaufen als üblich. Bei unserem ersten Kontakt ging er am Stock, er hatte einen unsicheren Gang. In diesem Stadium stagnierte die Krankheit für eine gewisse Zeit. Vor einem Jahr brachte der Rot-Kreuz-Fahrdienst ihn zu mir. Er sass im Rollstuhl. Das Atmen bereitete ihm Mühe. 

Herr G. und ich sehen uns nur eine Stunde im Jahr. Unsere Leben haben keinerlei Berührungspunkte ausser dieser einen Stunde. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sprechen wir in dieser Stunde über Dinge, über die ich mich sonst selten unterhalte. Wir tauschen keine Nettigkeiten aus, wir erkundigen uns nicht, was im letzten Jahr alles passiert ist. Wir sprechen über erfüllte und unerfüllte Leben. Über Wünsche. Zwangsläufig über den Tod. Herr G. ist sehr gläubig. Der Tod schreckt ihn nicht. Nur das Sterben, das macht ihm Angst. «Die Ärzte sagen mir, dass ich nicht ersticke. Die meisten ALS Patienten schlafen einfach ein.» Er schaut mich an. «Ich muss den Ärzten glauben. Sonst werde ich wahnsinnig.» Ich lese ihm ein Gedicht von Luisa Famos vor, das mir in schweren Zeiten jeweils Trost spendet.

Ich weiss nicht, ob Herr G. ein Freund ist, dafür sehen wir uns vielleicht zu selten. Eigentlich ist es egal.  Es muss nicht alles benannt und definiert werden. Herr G. ist eine Bereicherung in meinem Leben. Nur das zählt.

Dieses Weihnachten besucht Herr. G. mich nicht. Nach den Feiertagen versuche ich, ihn auf dem Natel zu erreichen. Seine Nummer ist nicht mehr in Betrieb. 

Ich bin traurig.