In der Mitte des Lebens

Landbote

In der Mitte des Lebens 

Vor einer Woche bin ich 45 Jahre alt geworden. Meine Tochter hätte gerne, dass ich mindestens 120 werde, aber es ist mehr als fraglich, ob ich ihr diesen Wunsch erfüllen kann. Es ist eher so, dass ich bereits in der Mitte meines Lebens angekommen bin. Ich habe – bis jetzt zumindest –  keine Midlife-Crisis, ich stelle nicht mein ganzes bisheriges Dasein in Frage. Nichts liegt mir ferner, als Zigaretten kaufen zu gehen und nie mehr zurückzukehren oder mich scheiden zu lassen um mich anschliessend mit einem jüngeren Mann zu vergnügen. Natürlich sind das Klischees, aber wie sagte der Journalist Herrmann Schreiber so schön: Die Midlife-Crisis ist ein Klischee – bis man sie hat.

Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Trotzdem verspüre ich ab und zu eine Art Schwellenangst: Noch vor wenigen Jahren war ich jung, nun bin ich in der Mitte angelangt und überschreite bald die Grenze zum Beginn des Altwerdens. Und ganz am Ende – da ist der Tod. Im Grunde glaubt kein Mensch daran, dass er sterben muss, auch wenn er es weiss. Im Unbewussten, sagt Sigmund Freud, sind wir alle von unserer Unsterblichkeit überzeugt. Aber was der Mensch in den mittleren Jahren nicht mehr verdrängen kann, ist die Erkenntnis, dass er allmählich alt wird.

Seit neustem trage ich Brille, ich habe Denkfalten auf der Stirn, die auch nach dem Denken nicht wieder verschwinden. Den körperlichen Folgen des Alterns kann man nicht entgehen. Man kann vehement dagegen ankämpfen, aber das Alter wird irgendwann den Sieg davon tragen, egal, wie viel Bewegung, Antifaltencrème und  Hyaluronsäure man in den Ring wirft. Diese körperlichen Folgen des Alterns machen mir keine Angst. Die Ansicht, dass nur junge Frauen attraktiv und glücklich sein können, ist überholt. Auch die Film- und Werbeindustrie hat das Potential älterer Frauen erkannt; die so genannte «Schönheit der Falten».

Als Folge des Überschreitens der Grenzen zum Alter setze ich mich aber häufiger mit meinem Leben auseinander. Ich bin nicht immer einen geraden Weg gegangen; ich habe vieles erlebt, ausprobiert, gemacht. Vielleicht habe ich deswegen nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Mit meinem bisherigen Leben hadere ich nicht. Aber ich möchte noch so viel mehr erleben. Ich möchte noch all die Bücher schreiben, die ich im Kopf habe, alle Orte bereisen, nach denen ich Fernweh habe. Ich möchte meinen Kindern zusehen, wie sie selbst erwachsen werden und ihren Weg gehen. Das Altern an sich macht mir keine Angst. Die Endlichkeit des Lebens schon.

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